Wie gut sind die Websites Thüringens wirklich? Wir haben 218 Websites aus dem Freistaat — 117 Stadt- und Gemeinde-Auftritte sowie 101 Unternehmen, Hochschulen und Institutionen — im echten Browser geprüft: Verschlüsselung, Sicherheits-Header, Mobile-Tauglichkeit, Performance und die technischen Grundlagen der Barrierefreiheit. Alle Zahlen sind frei zitierbar (CC BY 4.0) — Quellenangabe „Thüringer Digital-Report 2026, adfera.de” genügt.
Die Kernzahlen: 216 der 218 Websites waren erreichbar. Der Durchschnitts-Score liegt bei 7,9 von 10 Punkten — Kommunen (7,9) und Unternehmen (8,0) praktisch gleichauf. Die Basics (HTTPS, Mobile-Viewport, Kompression) sitzen bei über 93 %, und 23 Websites — darunter 11 Kommunen — erreichen die perfekte Punktzahl. Die Lücken stecken im Detail: Nur 33 % der Unternehmens-Websites erreichen die Alt-Text-Basisquote für Barrierefreiheit (Kommunen: 52 %), nur gut die Hälfte nutzt HSTS, und bei den Kommunen fehlt bei 62 % der Schutz-Header gegen MIME-Sniffing.
218
Websites im Browser geprüft
7,9/10
Ø-Score — Kommunen & Wirtschaft praktisch gleichauf
23
Websites mit perfekter Punktzahl — davon 11 Kommunen
44 %
ohne Meta-Description — verschenktes Google-Snippet
Das Gesamtbild: solide Basis, vernachlässigte Details
/// Verteilung der Gesamt-Scores (0–10 Punkte)
86 Websites (40 %) erreichen 9–10 Punkte — Thüringen steht digital besser da, als das Klischee vermuten lässt. Die Median-Antwortzeit von 408 Millisekunden ist ordentlich, und mobile Darstellung ist mit 97–99 % Viewport-Quote praktisch flächendeckend gelöst. Nur 2 Websites fallen mit unter 5 Punkten durch — aber 33 Auftritte (15 %) haben spürbare Lücken.
Kommunen vs. Unternehmen: der direkte Vergleich
Die vielleicht größte Überraschung des Reports: Im Gesamt-Score liegen beide Gruppen praktisch gleichauf — 7,9 zu 8,0 von 10 Punkten. Rathäuser müssen sich digital nicht hinter der Wirtschaft verstecken. Die Unterschiede stecken in den einzelnen Kriterien:
/// Erfüllungsquote je Kriterium — Kommunen vs. Unternehmen
Drei Muster stechen heraus:
1. Die Barrierefreiheits-Lücke liegt bei den Unternehmen
Bei den technischen Grundlagen der Barrierefreiheit — hier gemessen über die Alt-Text-Quote der Startseiten-Bilder — schneiden Unternehmen mit 33 % deutlich schlechter ab als Kommunen (52 %). Das überrascht: Seit Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) für viele Unternehmen mit digitalen Angeboten, während Kommunen schon länger über die EU-Richtlinie 2016/2102 verpflichtet sind — und dieser Vorsprung ist messbar. Für Unternehmen heißt das: Die öffentliche Hand ist beim Thema Barrierefreiheit gerade das bessere Vorbild.
2. Sicherheits-Header sind der blinde Fleck der Kommunen
HTTPS ist Standard (97 % Weiterleitungsquote) — aber die zweite Verteidigungslinie fehlt oft: Nur 51 % der Kommunen setzen HSTS, und der simple X-Content-Type-Options-Header fehlt bei 62 % der kommunalen Auftritte (Unternehmen: 35 %). Beides sind Ein-Zeilen-Konfigurationen ohne Kostenfaktor — hier liegt die günstigste Verbesserung des ganzen Reports: 6 Websites trennen allein diese zwei Header-Zeilen von der Spitzengruppe mit 9–10 Punkten.
3. TYPO3 ist die heimliche Nummer 1 — getragen von Unis und Institutionen
Bei den Websites mit erkennbarem CMS führt TYPO3 (54 Websites) vor WordPress (31) und Joomla (7). Überraschend ist die Verteilung: Der TYPO3-Block sitzt vor allem bei Hochschulen, Kliniken und Institutionen (37 Websites) — in den Rathäusern liegt dagegen WordPress (19) sogar knapp vor TYPO3 (17). Rund 83 Auftritte geben ihr CMS gar nicht preis, was sicherheitstechnisch sogar die bessere Konfiguration ist.
/// Content-Management-Systeme — Kommunen vs. Unternehmen & Institutionen
Performance: Der Freistaat antwortet schnell
/// Server-Antwortzeit der Startseiten
Fast zwei Drittel der Startseiten (138 von 216) antworten in unter 600 Millisekunden — der Median liegt bei 408 ms. Nur 15 Websites brauchen länger als 2 Sekunden für die HTML-Antwort; dort lohnt der Blick auf Hosting und Caching zuerst, bevor über Redesigns gesprochen wird.
/// HTML-Gewicht der Startseiten
Auch beim HTML-Gewicht dominiert Vernunft: Der Median liegt bei 103 KB, nur 11 Startseiten liefern mehr als 500 KB reines HTML aus — meist ein Zeichen für Page-Builder-Altlasten oder eingebettete Inline-Daten.
Lighthouse: Der mobile Härtetest
Zusätzlich zum Basis-Check haben wir alle erreichbaren Websites durch Google Lighthouse geschickt (215 auswertbar, mobile Emulation mit gedrosseltem Netz — der Standard, mit dem auch Google misst):
/// Lighthouse-Mediane (0–100, mobile Emulation) — Kommunen vs. Unternehmen
Das Muster ist eindeutig: Handwerk gut, Tempo schlecht. Accessibility (Median 90), Best Practices (96) und SEO (92) sind solide — aber der Performance-Median liegt bei nur 51 von 100 Punkten, und zwar in beiden Gruppen gleichermaßen (Kommunen 52, Unternehmen 50). 100 der 215 Websites fallen unter die 50-Punkte-Marke, nur 2 erreichen 90+. Wichtig zur Einordnung: Der Accessibility-Score von 90 klingt beruhigend, prüft aber nur maschinell erkennbare Kriterien — er ist notwendige Bedingung, kein BFSG-Nachweis.
Woran es hängt: nicht am Hosting, sondern am Ballast
Eine Detail-Analyse an einer stratifizierten Stichprobe (56 Websites, je zur Hälfte Kommunen und Unternehmen) zeigt, wo die Punkte verloren gehen. Das größte Inhaltselement (LCP) braucht im Median 8,7 Sekunden — Googles Zielwert für „gut” liegt bei 2,5 Sekunden. Eine mobile Startseite wiegt im Median 2,6 MB. Und die Ursache ist klar verteilt:
- 84 % verbrennen zu viel Zeit mit JavaScript-Verarbeitung im Hauptthread
- 57 % laden ungenutztes JavaScript, 54 % ungenutztes CSS — der klassische Fußabdruck schwerer Themes und Page-Builder
- 39 % haben zu lange Skript-Startzeiten
- nur 21 % haben ein echtes Server-Problem
Das deckt sich mit der schnellen HTML-Antwortzeit aus dem Basis-Check: Das Hosting ist selten das Problem — das ausgelieferte Frontend ist es. Die gute Nachricht steckt im CLS-Median von 0,012: Die Layouts sind stabil gebaut. Wer Bilder komprimiert und Skript-Ballast abwirft, holt die Punkte ohne Relaunch.
Die Auffindbarkeits-Lücke: SEO- und Social-Basics
Ein Zusatz-Check derselben 216 Websites zeigt die umgekehrte Seite der Medaille — hier führen die Unternehmen:
/// SEO- und Auffindbarkeits-Basics — Kommunen vs. Unternehmen
44 % aller geprüften Websites haben keine Meta-Description — sie überlassen Google, welcher Textschnipsel im Suchergebnis erscheint. Bei den Kommunen fehlt sie sogar bei 62 %. Ähnlich bei den Open-Graph-Tags: Ohne sie sehen geteilte Links in WhatsApp, Teams und LinkedIn kahl aus — kein Vorschaubild, kein Beschreibungstext. Zusammen mit dem Barrierefreiheits-Befund ergibt sich ein bemerkenswertes Muster: Die Wirtschaft kann Marketing, die Verwaltung kann Pflicht — Unternehmen optimieren fürs Gefundenwerden (76 % Meta-Description), Kommunen für die Vorgaben der EU-Richtlinie (52 % Alt-Text-Quote). Von der jeweils anderen Seite könnten beide lernen.
Sichtbarkeit bei Google: Wer wird überhaupt gefunden? (geschätzt)
Technik ist die Pflicht — gefunden werden die Kür. Als dritte Dimension haben wir für alle 218 Domains die geschätzte organische Google-Sichtbarkeit erhoben (DataForSEO Labs, google.de, Juli 2026):
/// Organische Google-Rankings je Website (geschätzt)
Die Ergebnisse relativieren das Marketing-Bild aus dem SEO-Kapitel: Im Median ranken die Kommunen (288 Keywords) sogar etwas breiter als die Unternehmen (250) — Stadtverwaltungen profitieren von Amtsseiten, Veranstaltungen und ihrer Autorität als offizielle Quelle. 7 Websites ranken für kein einziges Keyword in den Top 100 — sie existieren für Google praktisch nicht, obwohl sie technisch teilweise solide dastehen. Wichtig bei der Lektüre der Spitzenwerte: Konzern- und Gruppen-Domains (Kliniken, internationale Unternehmen) spiegeln die Sichtbarkeit der gesamten Domain wider, nicht nur des Thüringer Auftritts — deshalb fließen diese Schätzwerte auch nicht in den 10-Punkte-Score ein.
Die Spitzengruppe: 23 Websites mit 10 von 10 Punkten
Zur Einordnung, was diese Bestenliste misst — und was nicht: Die 10 Punkte prüfen technische Sorgfalt (Verschlüsselung, Sicherheits-Header, Mobile-Viewport, Struktur- und Barrierefreiheits-Basics, Antwortzeit). Sie messen nicht Design, Nutzerführung, Conversion-Optimierung oder inhaltliche Qualität — eine Website kann hier die volle Punktzahl holen und trotzdem gestalterisch aus der Zeit gefallen sein. Der Score ist ein Indikator für handwerkliche Pflege, kein Gesamturteil. Innerhalb der Spitzengruppe gibt es bewusst keine Rangfolge — alle erfüllen sämtliche Kriterien (alphabetisch, Kommunen zuerst):
/// Kommunen (11)
- Brotterode-Trusetal
- Eisenberg
- Friedrichroda
- Heilbad Heiligenstadt
- Jena
- Neustadt an der Orla
- Oberhof
- Ohrdruf
- Suhl
- Treffurt
- Weida
/// Unternehmen & Institutionen (12)
- Altenburger Brauerei (Altenburg)
- BORBET Thüringen (Bad Langensalza)
- Carl Zeiss Meditec (Jena)
- Energieversorgung Gera (Stadtwerke Gera) (Gera)
- Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT (Ilmenau)
- Friedrich-Schiller-Universität Jena (Jena)
- Hochschule Schmalkalden (Schmalkalden)
- Köstritzer Schwarzbierbrauerei (Bad Köstritz)
- Schachtbau Nordhausen (Nordhausen)
- SRH Wald-Klinikum Gera (Gera)
- TÜV Thüringen (Erfurt)
- Universität Erfurt (Erfurt)
Bemerkenswert: 11 der 23 perfekten Websites sind Kommunen — von Suhl über Heilbad Heiligenstadt bis Treffurt. Spitzenleistung ist offensichtlich keine Budgetfrage.
Methodik & Grenzen
- Stichprobe: 117 Thüringer Städte (vollständige Liste laut Wikipedia/Wikidata, offizielle Websites) + 101 Unternehmen, Hochschulen, Kliniken und Institutionen mit Sitz oder großem Standort in Thüringen. Prüfdatum: 16./17. Juli 2026.
- Geprüft wurde die Startseite je Website mit einem automatisierten Basis-Check (10 Kriterien): HTTPS-Erreichbarkeit, HTTP→HTTPS-Weiterleitung, HSTS, X-Content-Type-Options, Text-Kompression, Mobile-Viewport,
lang-Attribut, Seitentitel, H1-Struktur, Alt-Text-Quote (≥ 80 % der Startseiten-Bilder), Server-Antwortzeit. Die Inhalts-Kriterien werden aus der im echten Browser gerenderten Seite ausgewertet (Chromium headless) — Websites, die Meta-Tags per JavaScript setzen oder Bots anderes HTML ausliefern, werden dadurch korrekt bewertet. - Zusatz-Check Auffindbarkeit: Meta-Description, Open-Graph-Tags, Favicon, robots.txt und XML-Sitemap wurden in einem separaten Durchlauf am selben Tag erhoben; sie fließen bewusst nicht in den 10-Punkte-Score ein (Vergleichbarkeit der Kernzahlen).
- Sichtbarkeits-Schätzung: Organische Keyword-Zahlen stammen aus DataForSEO Labs (google.de, Top-100-Rankings, Stand Juli 2026). Es sind Modell-Schätzwerte eines Drittanbieters, keine Search-Console-Daten; Konzern-Domains spiegeln die Gesamt-Domain. Auch diese Dimension ist nicht Teil des Scores.
- Lighthouse-Welle: Performance-, Accessibility-, Best-Practice- und SEO-Scores stammen aus Google Lighthouse (mobile Emulation, Standard-Drosselung, je Startseite ein Lauf). Momentaufnahme mit üblicher Messvarianz; nicht Teil des 10-Punkte-Scores. Die Ursachen-Analyse (LCP, Seitengewicht, Audit-Quoten) basiert auf einer stratifizierten Stichprobe von 56 Websites (je zur Hälfte Kommunen/Unternehmen, deterministisch gezogen).
- Was das nicht ist: kein vollständiger BFSG- oder WCAG-Audit (der prüft u. a. Kontraste, Tastaturbedienung und Formulare). Der Check misst die technische Sorgfalt an der Oberfläche — er ist ein Frühindikator, kein Urteil. UX-, Design- und Conversion-Qualität bewerten wir bewusst nicht automatisiert.
- Fairness: 2 nicht erreichbare Websites (Timeout bzw. Bot-Schutz, der auch den Browser-Abruf blockt) wurden aus den Quoten ausgeschlossen statt als Nullwerte gezählt. Wir veröffentlichen bewusst keine Negativ-Namensliste — betroffene Betreiber können die Detail-Ergebnisse ihrer Website kostenlos bei uns anfragen.
- Reproduzierbarkeit: Prüfkriterien und Aggregation sind deterministisch; auf Anfrage stellen wir Journalisten die Rohdaten und das Prüfscript zur Verfügung.
Daten nutzen (CC BY 4.0)
Alle Zahlen und Grafiken dürfen für Artikel, Studien und Präsentationen verwendet werden — Quellenangabe „Thüringer Digital-Report 2026, adfera.de” mit Link auf diese Seite genügt. Presse-Rückfragen und Sonderauswertungen (z. B. nur Kommunen, nur ein Landkreis): Kontakt.
Häufige Fragen zum Report
Warum wurde meine Website nicht geprüft?
Die Stichprobe umfasst alle Thüringer Städte plus eine redaktionelle Auswahl größerer Unternehmen und Institutionen. Wer seine Website kostenlos gegen dieselben Kriterien prüfen lassen will: kurze Nachricht genügt — oder der BFSG-Checker liefert die Barrierefreiheits-Basics sofort.
Heißt ein hoher Score, dass die Website BFSG-konform ist?
Nein. Der Score misst technische Grundlagen (darunter zwei Barrierefreiheits-Indikatoren). Echte BFSG-Konformität erfordert einen vollständigen Audit nach WCAG 2.1 AA — Kontraste, Tastaturbedienung, Formulare, Dokumente.
Wird der Report aktualisiert?
Ja, eine Neuauflage ist für 2027 geplant — dann mit Verlaufsvergleich. Wer beim nächsten Durchlauf berücksichtigt werden möchte, kann uns die Website melden.